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Point Alpha

Deutschland war nicht immer Deutschland

«Grenzvernichter sind festzunehmen oder zu vernichten.» Diese Formel ist keinem Science Fiction-Film entnommen, sondern der «Vergatterungsformel für Grenzsoldaten» in der DDR an der ehemaligen innerdeutschen Grenze. Ein Besuch an einem Ort, wo jederzeit der Dritte Weltkrieg hätte ausbrechen können.

Vom Point Alpha berichtet Frederic Schneider

Sie wären als erstes gestorben. "Bevor sie einen Funkspruch nach Fulda geschickt hätten, wären sie vom Warschauer Pakt überrannt worden", bringt es ein Mitarbeiter der Point Alpha-Stiftung auf den Punkt. Wer an diesem Ort, einem US-Beobachtungspunkt in der Nähe von Fulda, diente, wusste davon. Die Soldaten taten es für Freiheit und für Demokratie.

Es war der 33. US-Präsident Harry S. Truman welcher einst dafür sorgte, dass jeder US-Soldat in Europa auch einmal Dienst an dem kleinen Ort zwischen Thüringen und Hessen machen sollte. In Zeiten des Kalten Krieges besuchten jede Außen- und Verteidigungsminister der Vereinigten Staaten diesen Ort.

Inzwischen sind die US-Soldaten vom Point Alpha abgezogen und eine Stiftung begrüßt jährlich annähernd 100.000 Besucher. Es war die CDU-geführte Landesregierung unter Ministerpräsident Roland Koch, die gemeinsam mit der thüringischen CDU das Projekt voran gebracht hatte. Andere politische Kräfte brachten in den ehemaligen Soldatenbarracken Asylbewerber unter.

Gekennzeichnet ist Point Alpha durch einen hohen Gitterzaun, vielen Beobachtungstürmen und einst einer Menge Grenzsoldaten, Selbstschussanlagen und mitunter Hunde, die dafür sorgen sollten, dass niemand die Grenze überschreiten konnte.

Es versuchten viele. So am 12. Dezember 1976 ein 18-jähriger Mann, der durch die Selbstschussanlage getroffen wurde. Doch statt ihn danach aus der Schussbahn zu holen und zu versorgen, ließen die DDR-Grenzer ihn verbluten. Zusehende US-Soldaten waren die Hände gebunden: Hätten sie DDR-Territorium betreten, wäre dies als schwerer, gegnerischer Akt aufgefassen worden. "Man hat den Soldaten eingetrichtert, dass sie damit womöglich den Dritten Weltkrieg auslösen würden", erklärt ein Stiftungsmitarbeiter.

Die örtliche Junge Union war es, die als Gedenken für den Verstorbenen ein Birkenkreuz aufrichtete und alljährlich dem Vorfall dachten. Noch heute existiert dieses Birkenkreuz und steht inzwischen symbolisch für alle Toten, die beim Versuch, dem DDR-Unrechtsstaat zu entkommen, umkamen.

Point Alpha ist deshalb nur ein Beobachtungspunkt der US-Streitkräfte gewesen, da die gut 50, in Krisenzeiten annähernd 200 Soldaten gegen eine Horde von gut 500.000 Kräften des Warschauer Paktes nichts hätten anrichten können. Vielmehr galt die Umgebung des Point Alpha als Teil des bekannten "Fulda Gap" dafür, anrückende Sowjets auf den Weg in Richtung Frankfurt am Main zu bremsen. Frankfurt galt ob der Lage und der "Rhein-Main Air Base" strategisch als bedeutend.

Die Sowjetunion hätte versucht, Deutschland in Norden und Süden zu teilen. Der US-Plan sah daher vor, Straßen in Grenznähe zu sprengen und von Nordhessen sowie Bayern mit Truppen kommend solange Position halten zu können, bis genügend Streitkräfte des Nordatlantikpaktes als Unterstützung eingetroffen wären.

"Unterhalten Sie sich mit meiner Mutter", macht der jüngste Mitarbeiter der Point Alpha-Stiftung deutlich. Die DDR war ein Unrechtsregime. Wer nicht der SED gehörig war - oder so tat -, bekam Besuch von der Staatssicherheit (Stasi). Für versuchte Republikflucht stand mindestens 1,5 Jahre Zuchthaus auf der Agenda. Es wirkt beeindruckend, wie die (ehrenamtlichen) Führer beim Point Alpha nicht nur Fakten herunterbeten, sondern als Zeitzeugen auch eigene Erfahrungen schildern können.

Aber sie differenzieren. So seien nicht alle Grenzsoldaten auch gleichzeitig regimetreue Bürger der DDR gewesen, machen die Zeitzeugen deutlich. Vielmehr ist vielen nichts anderes übrig geblieben, wenn sie nicht zugleich Ärger für ihre Familie oder Konsequenzen für ihre berufliche Karriere einkalkulieren wollten.

Autor: Frederic Schneider
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